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Reguly Antal levele Toldy Ferencnek (Raifai kolostor, 1845. május)
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An den Secretaire der Ung. Academie d. Wissensch. Franz Toldy
Bericht über die zweite Hälfte meiner Uralischen Reise. von Pelim nach der nördlichen Sosswa, den Ob, und zur Küste des Karischen Meeres.
Mit meiner Abreise aus Pelim beginnt die schwerste, aber auch zugleich die interessanteste Periode meiner Reisen. Wenn auch die südlichen Wogulenstämme in ihrer Lebensweise von den gesitteteren Russen bedeutend abweichen, und verglichen mit diesen so ziemlich in einem Urzustande lebend erscheinen: so ist dies doch keineswegs mehr der Zustand ihrer Väter, der alten Wogulen, und kann uns kein Bild der wogulischen Volksthümlichkeit geben. Das leben ist hier in einer Übergangsperiode begriffen. Ernährung, Sitte, Gewohnheit sind erschüttert, ein ganzes Volk, in seiner Lebens- und Weltanschauung irre gemacht, ist hier dem Kampfe der Elemente der menschlichen Natur preisgegeben, und wird nicht eher wieder zu einem fessten inneren Gehalt gelangen, bis es ans diesem Processe der Auflösung, zu einer völlig neuen Gestaltung gekommen ist. – Auch ist es leider nicht schwer, diese Gestaltung in voraus zu errathen. Während der Ackerbau und die Viezucht, hier so ziemlich allgemein gekannt, und theilweise auch schon gepflegt, verbunden mit dem täglich zunehmenden Mangel an Wild und an Tisch, die BevölkerMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_2ung vom Jäger und Fischerleben zum Ackerbaue hindrängen; wahrend die ins Bewustsein immer tiefer dringende christliche Lehre, im innern eines jeden einzelnen, einen Kampf gegen die alten heidnischen Vorstellungen der Väter anfacht, und der auf solche weise rathlos und Schwankend gewordene Mensch, jedem fremden Eindrucke offen da steht: wird es dem russischem Elemente, durch ihre zahlreichen Ansiedler getragen, nicht schwer werden, dem neu sich gestaltenden, das Siegel ihrer Nationalität aufzudrücken, und den neuen Formen, auch das neue Kleid der Sprache hinzu zugeben. Gewiss wird mit dem alten Leben, auch die alte Sprache hier untergehen, und die Spuren dieses Volkes in einigen Jahrzehenden kaum mehr zu finden seyn. – Anders sind die Verhältnisse auf dem Gebiete des Fluss systemes der nördlichen Sossva. Geschürzt durch den Ural nach Westen, durch sumpfige unbewohnte Hügelzüge nach Norden und Süden, ist dieses nur nach Osten, an der Mündung der Sosswa dem Verkehre offen, blieb bis jetzt von russischer Ansiedelung frei, und wird nur hie und da des Winters von einzelnen handeltreibenden Menschen besucht. Ungezwungen leicht, und ohne inneren Druck fliessen hier noch die Tage des Volkes dahin, und treulich hat die Anhänglichkeit an die Sitten der Väter die Formen des alten Lebens bewahrt. Kein Fels wird hier noch gebaut, kein Stück Vieh gezogen, kein Brod gegessen, noch Kleider von Leinen oder Wolle getragen. Der Mensch, der nur die Jagd und den Fischfang kennt, lebt von dem alleinigem ErtrageMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_3 dieser zwei Ernährungsquellen, kleidet sich im Felle, opfert den Göttern seiner Väter, und ist in seiner Eigenthümlichkeit ein ganzer, nicht halber Sohn der Natur, der in glücklicher Sorglosigkeit den Kampf noch nicht ahnet, in welchem die Civilisation seine südlichen Brüder verzehrt, und dem auch er, gleich jenen, unerbittlich zum Opfer fallen wird.
In dieser kurzen Andeutung liegt im allgemeinen schon Grund genug für einem Sprachforscher wie Ethnographen, eine Reise zu unternehmen, durch die er einen so interessanten Stamm, in den Kreis seiner Studien und Erfahrungen aufnehmen konnte: desto mehr musste es bei mir der Fall gewesen seyn, der nicht bloss im interesse der allgemeinen, sondern auch speciell der vaterländischen Wissenschaft reiste. Es fragte sich nur, ob es möglich sey von dieser Seite uns, nach der Sosswa zu gelangen, welche durch ein weites, mit Sümpfen bedecktes und unbewohntes Land, von dem Pelim Flusse getrennt ist. In Pelim selbst hatte man dazu keine Hoffnung, da bisher in dieser Richtung kein Verkehr stattgefunden hat und namentlich im Sommer nie jemand diese Reise nach gemacht. Nur im Winter, wenn die Sümpfe gefroren, und der Schnee die ungleichen Flächen geebnet, traf es sich manches Jahr, dass die Bewohner der Tapsija zu Schlitten herabkamen, um hier ein Pferd zu ihren heiligen Opfern zu kaufen, welches dann geschlachtet, und in Stücken auf Schlitten gepackt nach hause geführt wurde. Ich hatte mich aber bereits an der Lozwa durch eingezogene verlässliche Nachrichten, über die nördliche Hälfte des Pelim Flusses soweit orientirt, dass ich eine ReiseMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_4 von ihm zur Tapsija, einem Beiflusse der Sosswa, seiner geographischen Lage nach für möglich halten konnte. Und wäre diese, der vielen Sümpfe wegen, doch nicht ausführbar gewesen, so war ich dessen gewiss, dass ich von dem Pelim zur Lozwa gelangen kann, von wo mit dann, ein anderer Beifluss der Sosswa, nämlich die Leplä erreichbar wurde. Ich verlies denn die Stadt Pelim den 24-ten Juni zu Wasser, und ging bis zur letzten Ansiedlung des gleichnamigen Flusses, nämlich bis Ätimje Paul. Hier umgab ich mich mit rüssigen und unternehmenden Gefährten, und setzte mit ihnen die Reise weiter nach Norden fort. Fünf tage arbeiteten wir zu Boote, dem reissenden Strome entgegen, durch wilde und gänzlich unbewohnte Gegenden. Eine einsame Hütte, hie und da an den Ufern hervorragend, die zur Jagdzeit, im Herbste und Frühjahr, dem beutelustigen Jäger zum Obdach dient, unterbrach alleine die öde Einförmigkeit des Weges, und errinnerte zuweilen an menschliche Spuren. An der Mündung des Posserje Bacher, als dem Orte, wo der Pelim Fluss der Tapsija bis auf 5 Meilen in die Nähe kommt, wurde endlich am 6-ten Tage haltgemacht, um von hier den Weg über das Scheideland der Zweiflüsse zu bewerkstelligen. Die Boote wurden an einem sicheren Orte an das Land gezogen, das Gepäck mit den nöthigen Lebensmitteln auf den Rücken genommen, und die Reise zu fusse sieben Mann hoch, nicht ohne gutem Muthe angetreten: da wir schönes Wetter, und trockenen Weg hatten, der uns längs dem Rücken eines Hügelzuges führte. Doch nicht lange dauerten diese günstigen Bedingungen unseres Reiseunternehmens. Der Hügelzug verflachte, und verlohr sich in Sümpfe, die in Folge des ungemein regnerischen Frühlinges, ganze Teiche und Seen bildeten, und der Himmel der sich getrübt hatte, goss ohneMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_5 Schonung seine Ströme auf unser Haupt. Bald gingen wir über schwimmende oder hängende Sümpfe, bis an den Gurt in dem Wasser, bald über nasse mit verkümmerten Gehöltze, bewachsene Moosflächen, auf denen der Fuss alle Augenblicke bis über das Knie, zwischen den wurzeln der Bäume versank. Balden waren reissende seichte Bäche zu überwarten, bald tiefe ruhige Gewässer zu überbrücknen, bis endlich die geographisch wohl kurze, aber unendlich mühsame Strecke den dritten Tag zurückgelegt wurde, und die erschöpfte Reisegesellschaft, an dem Ufer der Tap|sija, gegenüber dem Dorfe Kuljimpaul angelangt, seinen Freuderuf erschallen lies, durch welchen die Bevölkerung herbei gerufen, uns mit ihren Booten zu sich übersetzte. Nach einer kurzen Ruhe und Labung an Fisch und gelben Sumpfbeeren, nahm ich von meinen wackern, durch die Mühen der Reise, mir doppelt liebgewordenen Gefährten Abschied, und fuhr noch denselben Tag weiter nach der Mündung der Tapsija, wo zahlreiche Menschen zum Fischfange versammelt, des eintreffenden Frühlingszuges der Fische harreten.
Schwer wäre es gewesen einem jedem, den blosse Nothwendigkeit oder Pflicht hieher gebracht hätte, das Leben hier zu ertragen. Die Ecke einer rauhigen Jurte zur Wohnung, ein Rennthierfell zum Lager, gekochter oder getrockneter Fisch, ohne Salz und Brot, ohne alle Abwechselung zur Nahrung, sind Bedingungen, die unseren feineren Gewohnheiten wiederstehen, ja für die Länge unerträglich werden müssen. Nur ein Mensch, den die Begeisterung für eine Idee hiehergeführt hat, dem diese neue Welt, das Ziel jahrelanger Wünsche, eine reiche Befriedigung geistiger Bedürfnisse gewähren konnte, nur solch ein Mensch, konnte das maMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_6terielle Elend, welches ihn umgab, übersehen oder vergessen, und sich zufrieden ja glücklich fühlen. Nach einem beinahe 20 tagigem Aufenthalte, der unter stetem Studium der hiesigen Mundart zugebracht wurde, ging die Reise von da, die Sossva abwärts bis zur Mündung der Sigva, und von hier nach Sukerjepaul einem der nördlichsten Dörfer dieses Flusses, gegenüber den Überresten, der auch geschichtlich bekannten Holtzburg Juil, welche der letzte befestigte Ort dieser Gegenden war, und noch Ende des vorigen Jahrhunderts Zeitweise eine Besatzung von Kosacken hatte. Die Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit welcher mir das Volk auf diesem ganzen Zuge begnegnet ist, kann ich hier unmöglich unerwähnt lassen, da ich es wünschte dieses Naturvolk Ihnen recht getreu und lebendig vor Augen zu führen. Sie werden sich ans meinen Briefen des Besuches vielleicht noch erinnern, den mir, einige Wochen nach meiner Ankunft auf dem Ural, zwei Wogulen von de Tapsija, in Wsewolodskoi machten, die gekommen waren, um wie sagten: den Mann kennen zu lernen, der zu ihrem Volke geschickt wurde, um sich über ihre Sprache und Lebensweise zu unterrichten, und ihn einzuladnen, auch sie und ihre Gegenden zu besuchen. Sie werden verehrten Herr! diese Handlung, gewiss, gleich im ersten Augenblicke mit dem Begriffe, den sie sich von diesem Volke gemacht, nicht zu vereinigen gewust haben. Und wahrlich! wenn die Kraft der Eindrücke und die Lebhaftigkeit der Empfindung so mächtig sind, dass sie die Indolenz und die Trägheit, die einem jedem Naturmenschen mehr oder weniger innewohnt, in dem Maasse zu besiegen vermögen, dass dieser eine Reise von 40 und mehr geogr. Meilen unternimmt, bloss um zu sehen und zu hören: so setzt dies eine Beweglichkeit des GeistesMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_7 voraus, die unmöglich mit unseren Ansichten, die wir von den Völkern des Nordens im allgemeinen haben, in harmonie zu bringen ist. Stumpfheit des Geistes, Mangel an Schwung und Leben, sind nicht Folgen climatischer Einflüsse, wie es in diesen Ansichten angenommen wird; sondern Folgen ganz anderer Einwirkungen: Einwirkungen, deren Grund vorzüglich in den Verhältnissen des gesellschaftlichen Lebens zu suchen ist. Wenn wir darum dem Ausdrucke „ein rohes wildes Volk” den wir von diesen Naturmenschen ununterbrochen gebrauchen, einen bestimmten Sinn und Gehalt unterlegen wollen, so müssen wir nur verstehen: dass hier die Basis der menschlichen Ernährung und somit des Lebens selbst, eine niedrigere und unentwickeltere ist, insoferne sie unsicherer, und den Menschen nicht so unabhängig von der Natur stellt, wie dies bei uns der Fall ist, – aber nicht, als wäre der einzelne Mensch, als wäre die Gefühls und denkweise roh. Ich möchte die sogar versichern, dass das Bewusstseyn des Menschen als solchen, hier, wo er von allem geistigen Drucke frei lebt, klarer und insoferne auch seine persönlichkeit voller und entwickelter ist, als bei unserem armen civilisirten Menschen. Dieser ist, gestehen wir es nur, durch das Unverhältniss, in welchem seine Erziehung und die Entwickelung seines Geistes, mit dem hohen, und theilweise künstlichen Standpunkt der Gesellschaft, deren Glied er ist, stehen, abhängig äuserlich und innerlich; und wohl von seiner ersten Kindheit an, dem Aberglauben und Unverstande hingegeben. Er kann weder den complicirten Mechanismus, der sehr gegliederten geMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_8sellschaftlichen Verhältnisse zwischen deren er lebt, fassen, und sein Auge ans der tiefen und untergeordneten Stellung, die er einnimmt erheben, um diese zu übersehen; noch kann er die hohen theoretischen Abstractionen, die ihm ein seichter Unterricht für das wesen höchster wahrheiten ausgiebt, begreifen, und verstehen. Und da er sie glauben muss, ohne befähigt zu werden, es mit Verstande zu thun, so wird der Gang seiner natürlichen Entwickelung gehemmt und unterdrückt, und das innere Leben verkümmert, das vielleicht zur schönsten Entfaltung berufen gewesen wäre. Bei dem Naturmenschen ist mehr Gleichgewicht zwischen den Bedingungen des äusseren und inneren Lebens. Es fehlen darum die gewaltigen Wiedersprüche in ihm, die den civilisirten Menschen charakterisiren. Der gesellschaftliche Mechanismus ist bei ihm einfach, das Band welches Mensch an Menschen knüpft, ein natürliches und dem gesunden Verstande fassliches, da jeder für sich, und nicht für andere lebt; und die Beschäftigung und Arbeit, ebenfalls einfach, ist dieselbe bei allen Genossen, nicht hundert und tausendfach getheilt, und gegliedert. Sollte in solcher Welt, die kein Räthsel in ihren Verhältnissen bietet, der Mensch nicht unabhängiger und sich bewusster seyn, als bei uns! Wenn andererseits die Fähigkeiten seiner Seele in natürlicher Ordnungsfolge, und ohne Überstürzung sich entwickelnd, von keiner autorität oder anderem Zwange gedrängt und auf Irrwege geleitet, ihn ebenso von dem Unverstande unserer niedrigeren, wie von der bizarrerieMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_9 der höheren Bildung bewahren, und zu einer Entfaltung bringen, die wohl nicht von Kenntnissen glänzt aber Naturgemäss und harmonisch ist. Die kein schwanken der Überzeugung, keine Halbheit im Gefühle und Charakter zugiebt: sondern in Wahrheit sein Inneres erfüllend und durchdringend, die Einheit seines Wesens und die Vollkommenheit seiner Persönlichkeit nothwendig macht.
Sie werden mir verehrter Herr! diese Abschweifung vergeben. Es ist unmöglich, solche Gedanken nicht zu haben, wenn man diese Welt gesehen hat. Auch ist es im Interesse unserer selbst, wie der Wissenschaft: da Gegensätze sich hervorheben und beleuchten. Auch war mein Zweck hier kein anderer als dieser. Ich bin weit entfernt, den Naturzustand den unendlichen Fortschritten der Civilisation vorzuziehen. Ich hatte Gelegenheit genug, ihre Vorzüge ans Erfahrung, während dieses Lebens, welches ich aus innerem Antriebe mitgemacht habe, kennen und fühlen zu lernen. Ich wollte nur aufmerksam machen, dass auch bei rohen und wilden Völkern das Leben Seiten habe, welche Anerkennung uns abzwingen, ebenso: wie andererseits unsere civilisirten Zustände, solche besitzen, die unser Bedauern erregen und unseren Jadel hervorrufen müssen. Ich kehre denn zu meinem Gegenstande wieder zurück. – Wie der Besuch der zwei Wogulen als ein Zeugniss wirklicher Gesittung und Bildung uns erscheinen muss; so hat mir auch meine Reise, und der herzliche Empfang, den ich auf ihr überall gefunden habe, die zahlreichsten Beweise dafür geliefert. Die Anerkennung, die dadurch ihrem Volksthum zu Theil wurde, dass ein Fremder ihre Sprache und ihre Sitten sich aneignete, hat überall Vertrauen und Begeisterung erweckt, und nicht selten ertönten bei meiner Ankunft der Gesang und die nationalen Instrumente,MTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_10 und Spiele und Tänze wurden aufgeführt, um ihre Freude mir zu bezeugen und ihre Achtung mir auszusprechen.
Der Herbst hatte sich unterdessen im rauhen Gewande eingestellt. Ein eisiger kalter Nordwind begann die Spiegel der Wässer mit leichtem Eise zu beziehen, und tiefer Schnee bedeckte mehrere Tage die Flächen des Bodens. Für mich war dies ein Zeichen zu weiterem Aufbruche, im Falle ich nicht versäumen wollte, das Gebirge noch von seinen Sommerbewohnern belebt zu sehen. Ich schickte darum Booten um Rennthiere aus, und nachdem diese herbeigeschaft waren, verliess ich den 11t Sept. die Thäler der Flüsse, und trat meine Reise nach dem Gebirge, zu den Rennthier Wogulen an. Der Schnee war bereits wohl wieder zergangen, und der Weg unseren Begriffen nach nicht mehr für Schlitten geeignet, doch der Rennthiernomade fährt auch des Sommers auf solchen, da er sein Thier, vor kein Räderfuhrwerk spannen kann, welches nicht bloss eine ziehende, sondern bei Abhängen auch eine haltende Kraft erfordert, und diese dem Rennthiere abgeht. Ich fuhr denn also auch auf Schlitten, die zur Unterscheidung von den langen und niedrigen Narten der Wogulen, hier Samojedische Schlitten genannt werden. Sie sind hoch und kurz mit einer breiten Unterlage, und aus dünnem aber festem Holze gebaut, um ebenso im Sommer durch die Gebirgswässer, wie des Winters im weichen und tiefen Schnee gleich gute dienste zu leisten, und durch ihre Leichtigkeit die Last des Zugthieres nicht zu vermehren. Die Reise ging mühsam vorwärts. Obgleich mit einem Anspan von vier wohlgenährten Thieren, gingen wir wenig im Trabe, sondern nur Schritt vor Schritt, nachdem das Rennthier im Sommer, wo nur die, zur Wanderung unmittelbar nöthigen, Thiere gebrauchtMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_11 werden, des Ziehens sich entwöhnt, und im Herbste träge und unlustig ist, und immer erst eingeübt werden muss. In der Nähe des Mannja Flusses über weite sümpfige Strecken, gelangten wir allmälig auf trockeneres Land, welches uns zu den äussersten Abhängen des Gebirges hinführte, die von hier abgeschnitten erscheinen. Von diesen ging unser Weg durch das schöne Thal der Lonhla, über mehrere schon waldlose Höhen und Rücken, uns immer weitere und grossartigere Aussichten und Gebirgsbilder gewährend bis wir endlich an dem Jensurr die unmittelbare, wasserscheidende Kette des Urals erreichten, längs welcher wir bis in das Porne Thal hinschweiften. Der vierte Tag unserer Reise neigte sich hier seinem Ende, überall auf unserem Wege hatten wir emsig nach Spuren von Menschen gesucht, doch vergebens. Wir beschlossen daher nach vergangenen Nacht umzukehren, und den gekommenen Weg wieder zurückzugehen, um nicht der Gefahr des Verirrens uns auszusetzen. Die Noch vermehrte unsere Aufmerksamkeit, mit Anstrengung spähte unser Auge nach allen Seiten und Buchten der Berge hin, und so wurden wir denn endlich einer ausgedehnten Heerde gewahr, die an einer entfernten Wand des Thales der kleinen Manja weidete, und entdeckten auch bald, hinter einem felsigen Vorsprung des Gebirges, auf grünem ebenem Boden das Lager der Hirten, welches aus drei Zelten bestehend, die Familie des Wogulen Tjobing, des reichsten Mannes dieser Gegenden in sich schloss. Nach fünftägigen Mühen, nachdem wir an Mangel an Nahrung bereits so gelitten hatten, dass wir nahe wahren, eines unserer Zugthiere schlachten zu müssen, waren wir soMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_12 endlich zu unserem Ziele gelangt, und hatten ein Dach, an den Quellen der Manja, wo der Ural, auf seinem ganzen Laufe von dem Jaik bis zum Eismeere, seine grösste Höhe und wildheit erreicht, gefunden. Die sonst kuppenförmige Bildung der Höhen der Gebirgskette, die nirgends dem Wanderer den Übergang währt, die allmäligen mit den schönsten Waldungen bedeckten Abhänge seiner Verzweigungen ünd Äste, ändern sich hier in der Nähe, an den Quellen der Sukerje – wo der Ural in seiner, geraden Richtung nach Norden gebrochen, mit einer Knieförmigen Beugung nach Nordost sich wendet – plötzlich, und nehmen die wildeste Gestaltung an. Hohe, Kahle, in den Himmelragende felsige Spitzen, die ununterbrochen auf der hinlaufenden Linie des Gebirgsrückens sich erheben, bilden hier eine unübersteigbare Mauer, und bieten in der Zerrissenheit und Grossartigkeit ihrer Formen ein überraschendes Gemälde dar, während die langen, aneinander gepressten Arme, und Zweige des Hauptrückens, mit ihren schluchten ähnlichen Thälern und dem ewigen Getöse ihrer stürzenden Wässer, an die gewaltigen Bewegungen erinnern, die hier die Erdoberfläche einst erschüttert haben mögen. Die acht Tage die ich mich hier aufhielt, wurden nicht mit sitzender Beschäftigung in dem Zelte, sondern auf den Höhen der Berge, in Ausflügen und in stetter Bewegung um die nomadische Wirtschaft meiner Hausleute zugebracht. Mein gastfreundlicher Wirth Tjobing, der mich überall begleitete, war ein unermüdlicher Tolmets und Führer, der mich in jeder Beziehung zu befriedigen gewusst hat, und meine Kenntniss der wogulischen Sprache bereiMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_13cherte sich nicht wenig in der Gesellschaft eines Mannes, der sie in einer, mir neuen Anwendung, nämlich auf das gebirgs und nomaden Leben, gebrauchte. Hier geboren und von seiner Kindheit an hier wohnend, gab es keine Höhe und keinen Steg, den er nicht gekannt hätte. Den Sommer auf der westlichen Seite des Gebirges, welche mit ihrer langsamen und weiten Abdachung, mehr einer hochebenen gleichsieht, und mit ihren moosreichen Flächen sich vorzüglich zur Sommerweide für Rennthiere eignet, zubringend, kehrt er im Herbste nach der östlichen Seite zurück, um in diesem, durch Schluchten und Thäler zerrissenen und mannigfaltig gestaltelen Theile, in welchem des Sommers die Hitze durch Sperrung der Luft für die Rennthiere unerträglich werden würde, jetzt Schutz gegen die Winde zu suchen, und an den Abhängen die wärmenden Strahlen der sich anlehnenden Sonne aufzufangen. – Ich hatte mir bereits bei den südlichen Wogulen Mühe gegeben, theils durch eigene Beobachtung, theils durch einziehen von Nachrichten, über die geographischen Verhältnisse und Oberflächenformen mich zu orientiren, da die Zeichnung dieser Gegenden auf den bisherigen Karten, so unrichtig und mangelhaft war, dass diese zu ethnographischen Zwecken, wo es sich hauptsächlich um richtige Übersichten der Verhältnisse handelt gar nicht zu gebrauchen waren. An der Sosswa und an der Sigwa, als nördlicheren und viel seltener besuchten Gegenden, war die Nothwendigkeit dieser Arbeit nur um so grösser, und eben so auch hier auf dem Gebirge, welches eigentlich noch nie von einem gebildeten Europäer besucht war. ZwarMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_14 ist es von Süden her, durch die Bogoslovsker expedition, deren Chef der Berg Ingenieur Lieutenant Straschevski bis an die Quellen des Schorteng im Jahre 1836 vordrang, aproximirt worden, und ebenso von dem Grafen Kaiserling, der von der Petschore aus, die Höhen des Saukka im Jahre 1842 besuchte, von Westen her gesehen, aber weder hier, noch weiter nach Norden – die Quellen des Sob und der Ussa ausgenommen – betreten worden. Die Arbeit also, der ich mich früher unterzogen hatte, und die hier, durch den Reitz einer Terra incognita, die das interesse eines Reisenden immer nur spannen musste, erhöht wurde, konnte ich auch hier nicht unterlassen, und so trachtete ich denn, theils durch eigene Anschauungen, theils durch Tjobing und seine Leute mir diejenigen Nachrichten zu verschaffen, die mir zu einer richtigen Übersicht des Gebirges, wie der ganzen Landschaft nöthig seyn konnten. In dieser Absicht habe ich auch meine Reise, weiter nach Norden, auf dem Gebirge selbst fortgesetzt, und stieg nur nach dem Fusse desselben herab, als mich der Mangel an Beförderung, in diesen für den Winter unwohnbaren Gegenden die bereits von den Nomaden verlassen waren, dazu gezwungen hat. Vom Nomaden zum Nomaden befördert, überschritt ich hier allmälig die nach der Sigwa sich ergiessenden Gebirgswässer eines nach dem andern, und gelangte so endlich über das 30. geogr. meilen breite Scheideland, welches zwischen den Ansiedelungen der Sigwa und der Sinnja liegend, die Gränze zwischen den Wogulen und Ostjaken bildet, und dessen Folge, hinsicht der Abgetrenntheit dieser zweiMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_15 Völker, nur durch die, im Winter hier weidenden, Rennthier Nomaden soweit gemildert ist, dass wenigstens in Jahren der Noth ein Verkehr stattfinden kann: wie namentlich vor einigen Jahren, viele Fuhren mit Fischen von der Sinnja nach der Sigwa auf Rennthieren gebracht wurden, nachdem letztere, infolge des in ihrem Lande unergiebigen Fischfanges, – grossen Mangel an Nahrung gelitten hatten.
Mit dem neuen Volksgebiete, welches ich an der Sinnja erreichte, hatte ich meine wogulische Reise beendigt. Ein Land von ungefähr 3780 □ Meilen zwischen den 58en und 66en Grade der Breite und dem 76en und 85en der Länge gelegen – mit einer Bevölkerung von circa 6342 Seelen welches ich im Verlaufe von neun Monaten von seinem südlichstem Ende, bis zu seiner nördlichsten Spitze nämlich von der Mündung der tavda bis zu den Quellen der Sigwa, seiner ganzen Länge nach durchstrichen, und zweimal in seiner Breite: südlich, vom Irtisch bis zu dem Ural, über die Konda, Pelim und Loswa, und nördlich, von der Sigwa bis zur Mündung der kleinen Sosswa durchzogen – blieb somit hinter meiner zurück, und ich bereitete mich, zu einem neuen Studium, nämlic * h dem der ostjakischen Sprache und des ostjakischen Lebens, vor.
An der Sinnja, wo ich den 30-ten Sept. in Tildom angekommen war, nur einen Tag in der Jurte des Kreisschultzen Teleking weilend, eilte ich über die FlüsseMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_16 Woikar, Larus, und Sob, nachdem grossartigen, hier beinahe eine halbe Meile (3 werst) breiten Ob, den ich den 8-ten October bei Hispugor übersetzte, und gelangte denselben Abend noch in Obdorsk, dem Hauptorte des unteren Obgebietes, an. Eine kleine Meile von dem letzt genannten Flusse, auf dem Bergufer des Polui gelegen, war es früher befestigt, und von Kosacken besetzt, um diese Gegenden tributpflichtig zuerhalten, jetzt ist seine Bedeutung nur eine commercielle, und ist, 40 Häuser zählend, beinahe ausschliesslich von handeltreibenden Russen bewohnt, denen die vortheilhafte Lage des Ortes, einen reichlichen Lebensunterhalt sichert. – Das Gebiet aber auf welchem ich mich von der Sinnja an befand, ist nicht bloss seiner Sprache und Bevölkerung nach, von den andern, südlicher durchstreiften Gegenden unterschieden: sondern steht ebenso auch seiner geographisen Lage und Form, und seiner Natur nach,MTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_17 in Bezug auf Clima und Bodenschaffenheit, eigenthümlich und selbständig da. Und wenn wir gewohnt sind, den reitz unserer Reise–Eindrücke, nicht sosehr nach dem interessanten Wechsel von Hügel und Thal, von Dorf und Stadt, und Culturarten des Bodens zu messen; sondern nach Übersichten ganzer Gebiete trachtend, die Befriedigung unserer Interessen, mehr in der Beleuchtung der Verhältnisse und der wechselbeziehungen finden, in denen die Natur und der Mensch stehen: so können wir eine Reise in diesem nördlichen Himmelsstriche nicht uninteressant nennen, und über Gleichförmigkeit der Erscheinungen keineswegs klagen. Im Gegentheil ist hier ihre Abwechselung, und die Mannigfaltigkeit der Naturverhältnisse nur um so prägnanter, als diese sich durch den Menschen, – der ganz unter ihrem Einflusse stehend, ihre Verschiedenheiten und nuancen auf das genaueste reflectirt – unserem Auge nur klarer und bestimmter darstellen. Der Character dieser Gegenden ist, nicht mehr diejenige Getrenntheit und Abgeschiedenheit von der Welt, noch derMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_18 derjenige Reichthum an Wald und Jagd, der dem eben durchzogenem Sosswa Gebiete eigen ist. Hier befinden wir uns, bald an einer Weltstrasse, in dem Thale des Ob, dessen Wand, dem Baue des Landes nach, bis an den Ural hingeht, und leben an den Ufern fischreicher Gewässer, neben armen und wildlosen Wäldern, bald sind wir weiter nach Norden, in einer Steppe, auf der, gleich wie an dem entgegengesetzten Ende des Urals, am Caspischem See, der südliche Nomade mit den Heerden feines Viehes herumzieht, und auf schnellem und ausdauerndem Rosse, ohne Hinderniss über die Flächen der Wüste hinjagt: so hier der Polarnomade seine zahlreichen Heerden von Rennthieren weidet und über die, ohne Ende hinlaufenden Felder des Schnees mit der reissenden Schnelligkeit seiner Thiere dahin eilt, und das Maas der Entfernungen verschwinden macht. Der Mensch, in dessen Lebensweise, wie wir eben erwähnt haben, die Naturbeschaffenheit eines Landes immer auf das getreueste wiedergegeben wird, ist hier nicht mehr Jäger, sondern Fischer oder Hirt.
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Hirt. Mit dem Walde, der von dem Woikarflusse, der Naturgrenze der Kiefer an, immer ärmer und verkümmerter wird, bis er endlich unter dem 67 Grade der Breite gänzlich aufhört, vermindert sich und hört auch das Wild auf, und die Gränze des Wildes ist natürlich auch die Gränze des Jägers. Der Reichthum der Gewässer somit, und die Natur der Steppe, sind hier die bestimmenden Factoren, die dem Menschen seine Lebensweise vorschreiben, und ihn zum Fischer machen, wo er an den Ufern der Wässer, und zum Rennthierhirten, wo er in der Steppe wohnt: ich sage Rennthierhirten, da wir in keiner Gras, sondern Moossteppe sind, und auf solcher nur die Zucht des Rennthieres möglich ist. Auch zeigt sich die Rückwirkung, die die Natur der Steppe auf seinen Bewohner im allgemeinen hat, in der körperlichen wie der geistigen Ausprägung des Menschen hier, sosehr, dass wir das ungeformte Bild, welches uns bei einem polarländer immer vorschwebt, fallen lassend, unwillkürlich an den Turktatarischen Steppenbewohner des Caspischen MeeresMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_20 Meeres erinnert werden, dessen unendliche Gewandheit und Lebendigkeit, nebst seiner schnellen und scharfen Auffassung wir eben bei dem Samojeden hier vorfinden, der nicht von sanftem Gemüthe und schwacher Willenskraft, wie wir dies gleichfalls bei dem Polarländer voraussetzen: sondern wild und voller Leidenschaft ist, und der von dem Ungestüm seiner Natur hingerissen, ohne Gewissen, schlau und listig, zum Betruge und Raube geneigt, und verwegen ist, ohne doch tapfer zu seyn. Waehrend den Waldbewohner und Jäger Ruhe und tieferer Ge|halt, Wahrheit und Rechtlichkeit, Uneigennützigkeit und Unerschrockenheit gleichmässig charakterisiren.
Meine eigentlichen Reisezwecke konnten mich nur bis zu dem Fischer, nämlich den Ostjaken, dessen Sprache und Leben eine Aufgabe für mich war, führen, und der Bewohner der Steppe, der Samojede, blieb ausser dem Bereiche dieser. Doch ist es schwer, auf einen Raum uns zu beschränken, bevor wir noch dessen Grenzen und Verhältnisse kennen. Der Gegensatz ist der müchtigste Hebel unserer Erkenntniss, und nur was durch ihm beleuchtetMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_21 und in seinem Gehalte bestimmt ist, wird uns klar und bewusst. Er scheidet und begränzt die Gebiete, giebt Orientirung auf diesen, und befähigt uns so, mit höherem Erfolge zu wirken. In ihm liegt die hohe Bedeutung, welche diese Naturwelt für den civilisirten Menschen hat, und durch ihn wurde ich zu einer Reise veranlasst, die mich über die Gränzen meiner Aufgabe hinaus, von den tiefen und endlosen Wäldern der Wogulen, in die Steppen der Samojeden führte, und zu der ich jetzt nur um somehr Aufforderung fühlte: da der eingetretene Winter, und die mit Schnee bedeckten Felder, mir den Kampf nur desto lebendiger vor Augen führen konnten, den der Mensch in diesem höchsten Norden, gegen die Rauheit des Climas, und die Wildheit der Elemente, zu bestehen hat.
Meine Absicht war, über den Steppenrücken (russ. tundriski chrebet) von Jamal, der an den Quellen des Holasjogan von dem Ural sich trennend, nach dieser Halbinsel sich hinzieht, bis zur Poderatta zugehen, und von dieser nach dem Gebirge mich zu erheben: um nebst dem ethnographischen Interesse auch das geographische zu befriedigen, und das Uralgebirge,MTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_22 Welches ich von dem 59 Breitegrade an, ziemlich genau kannte, gleichfalls auch hier im seinen letzten Verzweigungen, wie in seinem Abnehmen und verschwinden zu sehen und kennen zu lernen. Zu diesem Zwecke reiste ich den 22ten Oct: von Obdorsk ab, und kam – den genannten jamalschen Rücken bei den Höhen des Punke und Schibilje übersetzend – den 26en an der Poderatta an, von wo ich, das Gebirge bei den Quellen des Kute erreichend, meinen Weg auf diesem, bis zu dem Menjeschi Berge fortsetzte, mit dessen Kegelförmiger Spitze, die Kette dieses merkwürdigen Gebirges endet, und von wo es sich weiter, nur in einem flachen Rücken bis zur Küste, nächst der Mündung des Gnosobe Baches, erstreckt. Meinem Plane gemäss sollte ich von hier, auf der westlichen Seite des Gebirges, über die Quellen der Kara, Ussa, und Sob Flüsse zur sogenannten grossen Übergangsstrasse des Urals (russ. Bolschoi perehod) gelangen, durch die, der selbstgeschichtlich bekannte Obdorsker Weg der Syränen führt, und auf dem ich nach Obdorsk zurückzukehren gedachte. So sollte meine Übersicht desMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_23 Gebirges, durch gewonnene Anschauung seiner westlichen Verzweigungen und Gebirgsverhältnisse vollendet werden. Doch die Umstände wollten es anders! und führten mich über den Karaflusse hinweg, bis an das Ufer der Waigatsch Strasse zu der ich längs dem kleinen Gebirge des Urals gebracht wurde, welches entsprechend dem auf der östlichen Seite sich abtrennenden Jamalschen-Rücken – hier bei den Quellen der Kara sich abscheidet und das Kesselförmige Gebiet der Gewässer dieses Stromes auf zwei Seiten umschliessend, in einer Länge von 60. geogr. Meilen, bis an die genannte Strasse hinzieht, und an diese mit seiner Felsenhöhe Siuvienpai unmittelbar anstosst. – Von welcher es auch den Namen Scharhoi d.i. Scharrücken bekommt, von Schar, dem Namen der Waigatschstrasse, welche die Russen Jugorski Schar d. i. der jugrische Schar oder die jugrische Strasse nennen.
Mit dem übertreten des Karaflusses, der hier die Gränze zwischen Europa und Asien bildet, befand ich mich in dem europäischen Russland, auf dem Boden des Archangelschen Gouvernements. Die Zeit zu einer Reise durch das weite, waldlose Küstenland, welches von derMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_24 der Kara bis zur Petschora den Namen der samojedischen Grosslandssteppe (russ. Bolsche zemelskaja tundra), im Gegensatze zur kleineren Steppe zwischen der Petschora und dem Mesen Flusse, führt, war eben die günstigste, da meine Ankunft gerade in die Zeit des Steinfuchsfanges fiel, während welcher jeder Bewohner auf dem, ihm als Eigenthum gehörendem Lande festsitzend, leicht zu finden und zur Beförderung zu haben ist. Nur zwei wochen später und eine Reise wäre hier unmöglich gewesen, da mit beginn Nov. die ganze Bevölkerung aus diesen Gegenden aufbricht, und sich gegen Süden hinzieht, um da im Schutze der Wälder die kalten Monate Dec. und Jan. zuzubringen, und auf solche weise dieses ganze Land, während des Winters, leer und unbewohnt dasteht theils wegen Mangel an Holtz da hier nur niedriges und zum heitzen ungenügendes Reissig, an den tiefern Ufern der Flüsse wächst, theils wegen den häufigen, tagelang dauernden Stürmen, welche die Rennthierheerden zerstreuen, und gegen die der Mensch selbst auch keinen Schutz finden kann. – Durch das Land der Lahi und Wulka stämme, welches von der Kara bis zur Waigatsch Strasse hingeht, wurde ich von den längsMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_25 der Kette des kleinen Gebirges gelagerten Bewohner, mit grosser Schnelligkeit befördert, und in zwei Tagen bis an das Ufer der genannten Strasse, nahe unter dem 70te Breite-Grade, gebracht. Von da nach Süden, über die Mündung der Horotaika, nachdem sogenannten Samojedischen Gross|landsrücken ging die Reise etwas langsamer, da ich, um das Polarleben von einer Seite mehr, kennen zulernen, Streckenweise mit wandernden Nomaden, die auf ihrem Wege nach der Ussa begriffen waren, gezogen bin. Und wie das Bild einer solchen Polarkaravane durch sein fremdartiges, aber aus den hiesigen Verhältnissen so natürlich folgendes Erscheinen, nicht ohne geistigen Reitz seyn konnte: da es die Anschauungen einer neuen Welt, von einer neuen Seite plötzlich beleuchtete und ergänzte, so war es auch für das Auge, nicht ohne Interesse. Eine weite Heerde lebendiger und muthwilliger, dem Hirschen so ähnlich sehender Thiere, von einem vorangehenden und wegweisenden Schlitten geführt, und von einigen Treibschlitten gefolgt, die mit raschen Thieren nach allen Seiten hinschweifend die abgehenden oder wegbleibenden Theile zur Heerde zurücktreiMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_26ben, bildet die erste Hälfte dieses nordischen Gemäldes, der die zweite eine lange Schlittenreihe folgt, auf der die Fracht des Hauses, aus den Theilen der Zelte, dem Vorrathe und der Habe desselben bestehend geführt wird, und auf der auch die Familie des Hauses ihren Platz findet. Von den letzteren zeichnet sich nahmentlich der Schlitten des Weibes oder die Schlitten der Weiber wenn der Mann im Besitze von mehreren ist, aus, durch seinen mit rothen oder grünen Tuche bedeckten Sitz, und durch die Wand, die an der Seite desselben aus gleichem Stoffe, sich erhebend der Fahrenden Schutz gegen die Schärfe der Winde gewährt, und welches zeichen, der auch hier nicht unbekannten zärtlichen Aufmerksamkeit des Mannes, durch den Gegensatz der Farben, auf den weissen Flächen des Schnees den malerischen Reitz des Ganzen nur erhöht.
Da ich an dem Kara Flusse, von meinem Plane nach dessen Quellen zu gelangen, wegen Mangel an Gelegenheit abstehen musste: so wollte ich jetzt auf dem Grosslandsrücken, der mittelst des Scharhoi mit dem grossen Gebirge zusammenhänge, einen Versuch machen, bis nach dem genanntem Quellengebiete vorzudringen. IchMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_27 ging darum mit Hülfe eines Samojeden namens Gnolikko, von dem Huzsumor Flusse bis über die Quellen der Hoila und der Silowa, von denen die der Kara nicht mehr weit entfernt sind, da aber die Stämme der Gnoho und der Purerka, deren Herbstaufenthalt, und Eigenthum dieses Land ist, noch nicht angekommen waren, und wir zwei Tage hindurch keine Spuren von Menschen entdecken konnten, so waren wir gezwungen wieder umzukehren, und ich einen südlicheren Weg einschlagend, in die Waldregion der Ussa hinabzusteigen. Von da übersetze ich, nach einer zweitägigen Ruhe, die ich in der Ansiedelung des Syrjänen Terentjev, eines der ersten Rennthierzüchter und Kaufmannes hielt, durch den Lahorta pass, das Uralgebirge, und eilte so den Ob, bei der Mündung des Woikarflusses wieder erreichend, der Stadt Beresov zu, die als Hauptort des gleichnamigen Kreises des Tobolsker Gouvernements auf einen Flächenraum von ungefähr 15,000 □ Meilen mit 20,000 Einwohner, der einzige Ort war, der sich in Folge der grösseren Lebensbequemlichkeit die es bieten konnte, zu einem winteraufenthalte eignete.
Durch die so weitläufig gewordene Steppenreise,MTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_28 in meinen ethnographischen wie anthropologischen Interessen vollkommen befriedigt, gab ich mich hier, mit allem Eifer dem ostjakischen Studium hin. Zur Sammlung sprachlichen Materials wie zur Kenntniss des inneren Lebens des Volkes, hatte ich bald, nach Orientirung in der Sprache selbst, mit dem Sammeln der ostjakischen Poesien begonnen die durch ihren interessanten Inhalt, auf längere Zeit meine ausschliessliche Beschäftigung wurden: da in ihnen das vergangene Leben dieses Volkes, auf eine Weise uns vorgeführt wird, wie wir, ihrer heutigen Lage nach, es anzunehmen nie gewagt hätten. Ein Volk des höchsten Nordens preisst hier die kriegerischen Thaten ihrer Vorfahren, die sie um der Nachkommenschaft zu überliefern mit voller Begeisterung erzählt. Die bald traurigen, bald glücklichen Erfolge ihrer Helden, die theils als Götter gegen äussere Feinde, wie Syrjänen und Samojeden, theils als Fürsten gegen ihre Brüder und Nachbarn kämpfen, sind ebenso wie auch die Schicksale des Volkes, welches den vielen getheilten Fürsten des Landes, die aus ihren Holzburgen und mit Wällen befestigten Sitzen ihre Gegenden beherschen, untergeben, stets an den UnternehmunMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_29gen ihrer Herren Theil nimmt. Gegenstand des bald erhebenden, bald tröstenden Gesanges, der von Vater auf Sohn übergehend, an den feierlichen Jahrestagen der Thaten und schicksale gesungen und in das Gedächtniss zurückgebracht wird. Die Erscheinung die uns hier entgegentritt, ist ebenso anthropologisch neu und überraschend, in dem wir ein Fischervolk unter diesem Himmelstriche für Tapferkeit und kriegerischen Ruhm begeistert finden, wie auch ethnographisch interessant da sich hier bei einem Stamm der finnischen Familie eine Geistesrichtung zeigt, die dessen übrigen Gliedern, soweit sie bekannt sind, nicht nur nicht eigenthümlich, sondern fremd und sogar entgegengesetzt ist. Denn während die Poesie der Finnen, entsprechend dem losen gesellschaftlichen Verbande dieses Volkes, in tiefer Abgeschiedenheit von der Welt sich entwickelnd, mehr Ausfluss des inneren individuellen Lebens des Menschen ist, und somit nur die Bewegungen und Stürme seines Gemüthes und Herzens, wie seine Kämpfe gegen die unheilvollen Kräfte der Natur, und die Einflüsse böser Geister zum Gegenstande hat: so achtet diese hier, aufMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_30 die inneren Erlebnisse der Individuen wenig Rücksichten nehmend, nur auf die Geschicke von Gesammtheiten, von Städten und Landschaften, und schildert, immer von der Betrachtung des äusseren bewegungsvollen Lebens ausgehend, deren kriegerische Stürme, und Schicksale. Der Mensch ringt in ihr nicht, im mystischen Schwunge, noch geistiger Herrschaft über Welt und Natur, durch Zauberkraft und Kunst wie in jener: sondern, von den reitzenden Bildern seiner Phantasie, die ihm nur gläntzende Thaten und glückliche Unternehmungen vorspiegeln, geleitet, strebt er lieber nach weltlicher Macht über Volk und Land, durch muthige Entschlossenheit und durch Kraft seiner Waffen. Ich hatte die Absicht wegen des Interesses der Sache, mich des Ganzen, noch in der Erinnerung einzelner Greise vorhandenen Reichthumes dieser Poesien zu bemächtigen und war mit meiner Sammlung auch bereits über 80 Bogen gekommen, als ich plötzlich, durch Briefe aus Petersburg über den Stand meiner Angelegenheiten unterMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_31richtet, mit meinen Arbeiten abbrechen und nach Russland zurückkehren musste. In Eile, um noch vor dem Aufthauen der Winterwege nach Kasan kommen zu können, meine Papiere ordnend, verlies ich den 3ten März Beresov, in welchem ich seit dem 24ten Nov. mich aufhielt. Mein Weg, den ich bei einer Kälte von 37 Grad Reaum. angetreten hatte, führte mich, durch das mir schon bekannte Land der Wogulen, längs der nördlichen Sosswa und der Lozwa bis nach Wsewolodskoi, den Ort an welchem ich meine wogulische Reise begonnen hatte, und brachte mich von da, über Ekaterinburg, und Perm nach Kasan, wo ich den 30ten März ankam. Sollte ich zum Schlusse noch einer Sache Erwähnung thun, so wäre es die Herzlichkeit, mit deren Beweisen gleich wie ich das Land betreten so es auch verlassen habe Die Bewohner der Sigva und der Tapsija, in deren Mitte ich den letzten Sommer zugebracht hatte, durch die Rennthier bestellungen die einige Tage früher zu einer möglichst schnellen fährt gemacht wurden, von meiner Ankunft benachrichtigt, sammelten sich an den Mündungen ihrer Flüsse, um ihrem Freunde zumMTA_KIK_Kt_MIL_4r88_46b-i_32 letztenmale noch die Hand zu reichen. Zum Andenken der an ihren Ufern verlebten Tage, gab mir der Fürst von der Sigva einen Bogen nebst sieben Pfeilen, die ich nebst anderen ethnographischen Gegenständen der Academie vorzulegen die Ehre haben werde.
In dem Kloster zu Raifa bei Kazan
1845. Maj.
Anton Reguly