-
LapozóNézetMetaadatok
-
Reguly Antal levele Karl Baernek (Berjozov, 1845. január 16.)
-
-
MTA_KIK_Kt_Ms_4754_75_1
Berezov den 16 Januar. 1845.
Hochverehrter Herr Staatsrath!
Ihre briefe haben viel zweifel und unruhe in mir erweckt; es ist möglich ich erscheine vor Ihnen in einem schlechten lichte, in dem ich Ihren forderungen nicht folge leisten konnte; das ist ein werk der umstände; und ich erwarte mit spannung – wie Sie die sache aufnehmen.
Lange musste ich warten in Petersburg, bis mir die möglichkeit sich eröffnete, dies feld meiner unternehmungen zu betreten, und nun fordert man mich vor der Zeit zurück und will mich der vollendung meiner arbeiten entreissen; es scheint mir fast ein böser Geist spielt seine künste und arbeitet an dem verderben einer glücklichen ernte; andere reisende gehen ungestört ihren zwecken nach, und liegen ungestört der vollendung ihrer arbeiten ob (z. b. Herr Sjögren – er arbeitete ja unangefochten 4 jahre an einer eintzigen grammatik, nach 2 jähriger reise im Caucasus) und mich beschränkt man auf etliche monate, nebst bei dass man resultate fordert welche nur aus einem tiefen eindringen u. aus einer vollen übersicht des ebenso lexikalischen als grammatischen inhaltes der Sprache, sich ergeben können. – Die nächste ursache dieser beschränkung sind gewiss die lästerungen einiger unfreunde, die ich nur eifersüchtige nennen will; – sollte man aber solchen freunden noch die schmeichelhafte befriedigung gewähren, sich durch ihre MTA_KIK_Kt_Ms_4754_75_2 lästerungen gestörtn gelassen zu haben?
Die ursache die Sie mir Herr Staatsrath sagen, sind meine zerrütteten oekonomischen verhältnisse die auf meine zurückkunft dringen in dieser hinsicht war meine denkungsweise in Pelim so: soll ich nun nach einer reise von etlichen monathen zurückkehren so kann ich zu deren kosten nicht mehr als höchstens 3000 rubel ass. verlangen, das wenige was ich aus dieser summe beiseiten legen kann wird kaum genügend um während der zeit dass ich meine arbeiten ausarbeite zu leben – und meine schulden bleiben mir ungetilgt auf dem halse. – entgegengesetzt aber: bleibe ich länger hier auf reise, so ist ausser dem grossen wissenschaftlichen gewinn, in oekonomischer hinsicht jener vortheil: ich kann auf ein grösseres reise stipendium – auf 5000 rubel anspruch machen, aus dieser doppelten summe lasst sich durch oekonomie auch ein doppeltes quantum beiseite legen, und während ich meine arbeiten noch hier vollende und nach meiner zurückkunft sogleich mit dem druck einiger sachen beginnen kann, so habe ich auch die vorerwähnten ausgaben während der ausarbeitung meiner arbeiten erspart – und so kann ich mit ersparten 2000 rubel bei vollendung meiner reise auch von meinen schulden rein gewaschen seyn. – jener weitere reise plan den Ob aufwärts hätte wohl mehr reise kosten erfordert, wie ich aber in meinem vorigen brief erwähnt habe, so war dieser plan noch so neu dass er nach bevor er erwogen war Ihnen geschrieben wurde; er war entstanden durch meine historischen excerpta die ich über Siberien u. über Mittel asien mit mir habe, und in denen ich kurtz vorher blätterte; mehrere nachrichten die mir aus dem gedächtnisse gewiehen waren, überraschten MTA_KIK_Kt_Ms_4754_75_3 mich mit einer art von neuheit, und aufgewärmt durch sie fühlte ich mich unwillkührlich aufgefordert zu mehreren fragen welche die alte geschichte dieser völker mit denen ich mich beschaftigte (die wogulen u. ostjaken) betrafen; desto mehr indem sie – mit ihren forderungen, so sehr in dem bereiche eines mir vor den augens schwebenden grössern ethnographischen planes hineinpassten. – so unverstanden, wurde nun aus diesem Ihnen zu früh mitgetheilten plane, stoff gezogen um über meine wissenschaftliche vorbereitung, einen recht schwartzen u. langen schatten zu werfen. Mich kränkt diese sache nur wegen der störung die sie meinen Gönnern verursachte für mich selbst rühren mich solche sachen wenig – wer wurde nicht gelästert? Ich sehe nur auf den nützen den ich daraus ziehen kann, insofern ich aufgefordert werde eine bedachte sache nochmals zu bedenken; um unsere ruhe lästerern zu weichen, dazu tragt schon der name lästerer die negation in sich.
Es erhellt aus Ihren briefen dass man viel lärm über meine schulden macht. wären diese schulden 10000 rubel, so würde man mit recht lärmen indem da gewiss, mein fehler, meine verschwendung zu tadeln wäre. – hier haben Sie aber die gantze liste meiner schulden: an Menovski 50 rub. silb. – an Chodinski 100 rub. silb. – an meinen diener 100 rub. silber – an Sarra 150 rub. silb. – an Eggers (buchhändler) gegen 30 rub. silb. – im gantzen also 430 rubel silber. – (das was ich an Madame Balugyanski MTA_KIK_Kt_Ms_4754_75_4 schuldig bin (gegen 300 rubel Assig.) und eben so an Halpert (ungefähr auch so viel) das will ich hier nicht zählen, denn das ist eine privat sache, sie ist nicht auf papier, und das sind leute die nicht auf termin fordern, sondern denn wenn es meine umstände erlauben.
Wenn ich nun ohne zuschuss von hause, fortwährend getäuscht durch die versprechungen meiner anverwandten, und so lange wartend auf die hülfleistungen unserer Academie, in einer so theuren stadt – so lange – leben musste: – weisst diese summe meiner schuld auf verschwendung hin? – Meine gantzen revenuen vom letztern jahre meines Petersburger aufenthaltes waren 50 dukaten, mit der hälfte von ihnen tilgte ich meine schuld an general Theslef in Helsingfors, – es blieben mir also 25 dukaten; – ist damit ein jahr in Petersburg zu leben? – Diese 500 guld. assig. von denen Sie schreiben dass mir die Ungr. Academie schickte waren noch das vorige jahr geschickt, und hatten nicht den charakter einer reise unterstützung, sondern waren der lohn oder das diarium für die aufträge die ich für die Academie besorgte. – Sie haben diese letzte zeit gesehen, wie langsam es mit den offentlichen unterstützungen vom Hofe u. der Ungr. Academie ging; ich kann Sie versichern mit den unterstützungen von hause, ging es noch verzweifelter – das liegt schon mahl in den begriffen u. wesen unserer alterthümlichen ungarischen verhältnisse, im allgemeine. – Ich hatte vor allen dingen auf meinen reisen keine gewisse summe monathlich festgesetzt, ich musste für einem jeden gulden MTA_KIK_Kt_Ms_4754_75_5 bitten, und dann geschah es, dass wenn ich z. b. 600 gulden schein oder assig. als mir zum weiter leben nöthig bat – so schickte man mir mit recht langsamer post 200 gulden schein und versprach mir die andern 400 nach drei oder vier monathe, und auch dann bekam ich sie nicht – wenn es schlecht ging. – – Ich zeige Ihnen hier meine lage in ihrer gantzen naktheit, ich will sie nicht weiter enthüllen.
Ein halbes jahr vor meiner abreise aus Petersburg schrieb ich an 2 meiner anverwandten, bat sie innigst um ihre hülfe – sie möchten mir borgen (1000 rubel ein jeder oder wenigstens die hälfte) um zu meiner abreise aus Petersburg, die mir nun durch die unterstützung der Academie bevorsteht, meine schulden tilgen zu können; in dem es mir viel daran liegt, aus dieser stadt, in der ich so viele gute leute gefunden u. so viel gutes erfahren habe, mit ehren ich entfernen zu können. – der eine schrieb mir u. versprach mir seine hülfe, der andere (der Abt) lies mir die zusage seiner hülfe durch meine Mutter sagen; und weder von einem noch von anderm habe ich nicht einen heller bis auf heute. – Sollte dann nicht mich zuletzt die verzweiflung ergriffen haben! in solch einer lage: mit jedem tag musste meine schuld zunehmen und die hoffnungen zu deren tilgung wurden zeit weise nur immer getäuscht, und die aussicht zu einer gesicherten existens durch ein sicheres einkommen von tag zu tag auch weiter geschoben. – hier der stachel, der die letzte zeit in Petersburg so sehr an mir gezährt u. so sehr mich niedergedrückt hat – MTA_KIK_Kt_Ms_4754_75_6 nicht eigentlich die grösse meiner schuld, sondern das sinken meiner hoffnung, die man so fortwährend von hause aus nur täuscht, und die daraus hervorgehende betrahtung meiner unsichern lage, – der schwankende boden auf dem ich stand schreckte mich zuweilen mit einem untergang.
Dass fremde, über die, in solcher lage gemachter schuld so viel lärm machen – dass möge seyn; – es scheint fast sie wollen den ehrenstab über mir brechen das wird ihnen aber wahrlich nicht gelingen!
Ich bin nun nicht in der stimmung über meine arbeiten etwas zu schreiben, ich kann Ihnen nur sagen, dass ich noch keinen ruhe tag hatte seit dem ich aus Petersburg gereist bin. – während der ersten hälfte meines hiesigen aufenthaltes schrieb ich nur gesänge u. immer gesänge ich schrieb deren über 90 bogen. – sie sagen vielleicht zu was so viel zu sammeln; wenn man aber den ersten geschrieben hat so ist man auch aufgefordert zum zweiten u. auch zum letzten, dessto mehr in dem diese gesänge nur bei etlichen greisen noch leben, und mit deren kurtzen leben auch sie verloren sind – der geschmack für das alte ist hier so abgestorben dass zwischen der mittlern und neuern generation (zwischen leuten von 40 bis 50 und zwischen der nun anwaksenden jugend) nicht ein eintziger MTA_KIK_Kt_Ms_4754_75_7 mann zu finden ist, der irgend ein noch so kurtzes lied wüsste. – und unter den greisen selbst, so ist es nur, an der gantzen Sosva, ein mann, an der Sigva, zwei, und auf dem Ob von hier abwärts, auch nur zwei, welche gesänge u. alte überlieferungen noch wissen, und sich ihrer – ich möchte sagen – nur einiger maasen – erinnern. – diese gesäge die ich hier schrieb sind alle kriegs gesänge, theils mythisch, enthalten sie die fechten ihrer götter gegen die Syränen u. Samojeden theils historisch, die fechten ihrer städte u. ihrer fürsten unter einander. manches lied ist nahe zehn bogen lang, das komt aber von den vielen repetitionen her da fast ein jeder satz doppelt ausgedrückt wird.
Ich werde Ihnen vielleicht bald eine ethnographische karte der gegenden die ich durchgereist bin, von der Pelim mündung bis an das eismeer, zuschicken; sie werden da besonders das Ural gebirg sehr ins detail gezeichnet finden mit allen seinen formen mit allen den namen seiner einzelnen theile u. höhen, und aus ihm entspringenden gewässern. – sie werden auch da vielleicht sagen es ist der nahmen zu viel und dieser gedanke machte mich fast zuweilen die arbeit zu unterbrechen; wo wissen aber welcher name uns einst dienlich werden kann. und welcher nicht, welchen zu schreiben und welchen auszulassen, alle zusammen MTA_KIK_Kt_Ms_4754_75_8 bilden nur das gantze, und nur aus dem gantzen sind sichere resultate zu ziehen. – Gegenwärtig beschäftigt mich die wortbildung u. ableitung der wogulischen sprache. – Seit Ihren briefen ist mir die aussicht nach Surgut benommen, mein blick wendet sich daher zurück – ich sehne mich zurück. doch endige ich hier eher meine arbeiten, und habe noch viel zu sammeln u. auf papier zu bringen. Nicht vor frühjahr oder vor sommer, wie ich Ihnen vorletzt schrieb komme ich zurück.
Beglücken sie mich bald mit Ihrem briefe, und behalten Sie mich in Ihren Gnaden
Ihren dankbarsten ergebensten Diener
Reguly
An die Herrn Frähn u. Schmidt wie an Ihre Damen und an das Balugyanskische Haus, wie immer meine tiefste empfehlung.
Sehen Sie zuweilen jemanden von Balugyanski, schreiben Sie mir etwas von Ihnen, ich bitte Sie. dem manne der mich in Wsewolodo Blagodatzki bediente, und nach Petersburg reisen sollte, gab ich einen brief an Halpert mit, am tage meiner abfahrt aus Wsewolodo Blagodatzki, ich weiss nicht ob er ihn bekam, oder ob der mann überhaupt Petersburg erreichte.
Es scheint mir ich schreibe Ihnen zu schlecht, zu unrein, es regt sich aber so viel in mir, wenn ich einen brief schreiben soll. dass ich unmöglich die gehörige ruhe u. fassung behalten kann.