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  • Reguly Antal levele Karl Baernek (Berjozov, 1844. december 18.)

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    Berezov den 18 Decem. 1844

    Hochverehrter Herr Staatsrath!

    Das paket briefe welches für mich in Tobolsk lag, habe ich den 10en dieses Monats erhalten. – Die unordnungen mit diesen, im Frühjahr, an mir gerichteten briefen, sind mein unglück, dessen schuld ich nur zu einem kleinen theil tragen kann. Bei diesem Herrn Zaretzki, welcher auf einem dieser briefe schrieb: sei polutschatel ujechal, ne izvestno kudi, war ich persönlich bei meiner durchfahrt durch Bogoslovsk und bat ihn meine adresse zu notiren um mir in folge kommende briefe, richtig nachsenden zu können. er sagte mir: mein herr ich kenne sie, sie sind bei uns nicht mehr fremd (ich war auch bei meiner ersten ankunft in Bogoslovsk bei ihm) ich habe für sie schon mehrere briefe expedirt – ihre adresse ist mir unnöthig. Ich war so beruhigt; denn konnte ich den ahnen dass dieser Mann das kurtze gedächtniss besitzt, und er in ein oder zwei wochen den namen der stadt Turinski, die ihm so nahe liegt vergessen haben wird. – das ist der ursprung dieser unordnungen; ich wartete nun umsonst in Pelim (die post hieher komt aus Turinsk) kein brief erschien. – Ich schrieb daher bei meiner abfahrt dem Upravlajuschtschi nach Wsewolodskoi und bat ihn um erklärung, mit der bitte diese briefe nun nach Berezov zu adressieren, und schickte ihm zugleich geld auf postporto indem ich dachte dass vielleicht der mangel dieses die weitere expedition meiner briefe verhindert hat.

    Aus Ihrem briefe leuchtet ein zweifel ob ich Ihnen meine reiseplane nicht auf gewisse zeit zu verheimlichen suchte. Herr Staatsrath, das ist eben der grund dass dieser plan so allgemein missfallen hat, dass ich ihn Ihnen zu früh mitgetheilt habe; er war noch zu neu, etliche tage nur vor abgang meines briefes in Pelim entstanden und wegen der kürze der zeit zu wenig erwogen und zu wenig bestimmt; daher gab er veranlassen MTA_KIK_Kt_Ms_4754_74_2 dass man mich missverstanden hat. er entwickelte sich bei gelegenheit ethnographischer beschäftigung, daher auch die ihm abgerundete ethnographische form, welche auf seinen ursprung klar hindeutet. auch enthaltet er kein abenteuer, denn ich sage da sehr klar, dass ich die spuren der ostjaken verfolgen will, minimel von Pelim war die Rede deren geschichte mich nun lebhaft interessirt, nicht aber die spuren der Ungarn – die hindeutung auf die namen Jugor etz. hat da eine sehr untergeordnete stellung, und sie ist nur des allgemeinen interesses wegen erwähnt, keinesfalls aber als hätte sie ein entscheidendes gewicht für die richtungen meiner arbeiten und untersuchungen.

    Wenn Sie Hochverehrter Herr meinen zweiten brief aus Pelim vom 11 Juni, den ich dem dortigen Pisar zur expedition hinterlassen habe und über dessen empfang ich von ihm eine quittung besitze, – empfangen haben, so mussten Ihre besorgnisse die Sie über eine unbegräntzte ausdehnung meiner reise äussern, bedeutend gemildert worden seyn. Ich sage da: dass ich in Beresov auf jedem falle Ihre briefe abwarte und dass ich von hier, wo ich meine wogulischen studien geendigt werde haben zurückkehren will wenn Sie es fordern. So einen Brief habe ich nicht erhielt

    Wie ich aus Ihren briefen ersehe hat man sich über meine reise sehr verschiedentlich geäussert zum theil weil sie das unglück hatte im kreise leidenschaftlicher parteien zwiste hinein gezogen zu werden. Um damit sie sehen dass ich keine irrwege folge, dass mich nicht der unbewusste der sterile trieb unmittelbar Ahnen zu suchen führt sondern dass ich klar vor augen habe, das einzige richtige ziel jenes, der wahren wissenschaftlichen bereicherung – so erlauben Sie mir etliche worte hier einleitend zu sagen:

    Durch das hohe verdienst unserer Zeit, mit welchem sie den menschen immer dringender auf die erkentniss seine welt richtig erkennt, insofern er sie in ihrem richtigen verhältnisse zu sich (zur Menschheit) zu fassen versteht – wurden viele neue zweige des wissens rege und neue wissenschaften geweckt. Sie führen uns unstreitig einer MTA_KIK_Kt_Ms_4754_74_3 grossen zu einer gäntzlichen umwältzung unseres geistigen reiches zu einer neuen bildungs (oder cultur) epoche, so gross, wie sie die geschichte noch nicht sah, und in der wir zum erstenmahl, die menschheit jene volle entwickelung zu erreichen, sehen werden, welche alleine nur ihren höchsten zwecken entsprechen können wird. – Dunkle ahnungen ergriffen mich Ungarn; wohltätig that sich mir etwas licht auf im Auslande, durch den anblick neuer verhältnisse – einer neuen Welt, unwiederstehlich seit dieser zeit bildet ihre entwickelung, die einzige die innigste richtung meines geistes.

    Eine der ersten, ich möchte sagen, die erste dieser wissenschaften, ist, die vergleichende sprachforschung, indem aus ihr das grund studium des geistes erwachsen wird. die moralischen resultate dieser wissenschaft welche sie uns geben muss, waren das entscheidende argument, welche mich zu meiner jetzigen aufgabe führten. Das licht welches sie über die menschheit ausbreiten soll auf ungarn zu reflectieren, und so ein neues leben hier zu wecken, das schien mir eine wahre, die einzige vernünftig eingeleitete reform indem sie mit der reform des geistes beginnt.

    Ich will mich nicht schämen (denn ich bin nun gezwungen dazu) es Ihnen zu gestehen, dass dies der zweck ist welchen ich in meiner aufgabe, trotz meiner, dazumal, jungen jahren zu stellen mir wagte; den ich aber auch nur darum wagte weil ich so jung war und durch die reihe von jahren die mir noch zu leben in die zukunft hin standen ein glückliches durchdringen mit der sache mir hoffen lies.

    Mit diesen ansichten, mit diesen zwecken wendete ich mich unserer alten historischen frage zu. Sie werden aber sehen dass sie durch mein beitreten eine unmittelbar historische zu seyn aufgehört hat; das leuchtet auch aus dem berichte der U. Academie hervor, wo der historische theil der frage als ein sich nothwendig MTA_KIK_Kt_Ms_4754_74_4 ergebender, aber nicht unmittelbar zu suchender angezeigt ist. (die mitteln welche diese historischen resultate oder ergebnisse, mit der zeit hervorrufen sollen sind da auch angegeben, und ich werde sie später berühren)

    So sehen sie auch dass ich meine gegenwärtige arbeit nicht mit verfolgung beschränkter nationaler zwecke begann, sondern die wissenschaft in ihrem verhältnisse zur menschheit fassend, unmittelbar, ihrer selbst willen verfolge und nur mittelbar nationale zwecke, welche der entwickelung der vorigen untergeordnet sind, in absicht habe. – Seitdem ich also Petersburg verlies habe ich nur allgemein wissenschaftliche zwecke vor augen; was sich aus dieser eingesammelten ernte auf diesem neuen felde, für unsere nationalenzwecke selbständig abwerfen wird, das werden wir aus der vollen übersicht dieser arbeiten speciel noch untersuchen müssen. –

    Sie äussern ihre zufriedenheit über den eifer mit welchem ich die sprache der wogulen studierte und zu sammeln suchte; meine aufgabe hatte noch eine andere seite, ich musste das leben, die existens dieses volkes in seinen umständen fassen, um das volk und seine sprache in seiner totalitet zu verstehen, wie sollte dies anders geschehen als durch details, durch eindringen in die kleinsten details; wie sollen wir uns ein unbefangenes urtheil bilden über so fremde verhältnisse, welche sogar mit unsern bisherigen begriffen nicht übereinstimmen können – wenn nicht auf diesem wege. Ich sage Ihnen alles dies Herr Staatsrath, damit sie sehen, dass ich meine arbeiten von einer schwierigern seite begann, als dass ich sie schnell endigen hätte können, dass ich meine arbeiten auf einer breitern basis begann, dass ich bedacht war auf jedem wissenschaftlichen gewinn welcher sich aus dem vollen auffassen dieses volkes sich ergeben kanndas aber so eine volle auffassung aller dieser zur bildung eines richtigen nationalbildes dieses volkes, mit wirkenden verhältnisse, nicht so schnell konnte erworben werden – – um nicht von manchen schwierigkeiten die einem reisenden nicht immer entgehen können zu sprechen – z. b. dass ich auf der gantzen Sosva u. Sigva keinen des russischen kundigen mann finden konnte, und daher die sprache ohne tolMTA_KIK_Kt_Ms_4754_74_5metscher zu studieren genöthigt war. – Ich stehe mit den Wogulen nun auf solch einem fusse, ich habe mich so in ihre lage zu setzen versucht und interessire mich so um die kleinsten verhältnisse ihres lebens als sollten die elemente ihrer existens, auch die meinigen seyn.

    Man möchte vielleicht sagen, ich gebe meiner aufgabe eine gantz andere wendung und bedeutung als sie früher hatte; diese wendung hatte sie aber von allen anfang. durch jene ansichten durch welche diese frage zu ihrer wahren wissenschaftlichen edleren bedeutung erhoben und ihre in unser leben eingreifende fruchtbare wendung gegeben wurde, geschah es dass unsere Academie soviel aufmerksamkeit meinen bemühungen schenkte und mir ihre unterstützung zusagte, und was noch mehr, auf blosse einzelne briefe und auf eine art memoire von etlichen bogen mir so ein volles zutrauen schenkte (meine principien u. ausgangspunkte nur betrahtend) welches mir wohl irgend ein skolastisches specimen eruditionis nicht verschaffen hätte können. – Dieses Zutrauen ist es aber auch, welchem mit einer brochure oder einer halben arbeit zu antworten unwürdig wäre, und welches mich zur weiteren beharrlichkeit und zum durchdringen mit der sache (bis auf einem befriedigenden grad) mich zwingt. Ist ihre unterstüzung auch schwach und kann sie auch zum würdigen verfolgen ihrer interessen die mitteln nicht auftreiben, so ist da ihre lage die schuld; sie hängt nicht von einem manne sie hängt von einer masse von köpfen ab, denen die höhern wissenschaftlichen interessen ihres landes noch nicht klar geworden sind – auch fliessen ihre mitteln nicht aus einer Staatskasse, wo zuweilen auch ausserordentliche mitteln zu erlangen sind – sie hat ihre begräntzte eigene wirtschaft. – Ob ich mich einem solchen Corpus auf weitere unternehmungen verpflichten u. meine lebensinteressen mit den ihrigen im brote verbinden werde – das ist eine andere frage und ich möchte mit bestimtheit sagen: nein. so lange ich aber mein jetziges MTA_KIK_Kt_Ms_4754_74_6 verhältniss mit ihm nicht schlissen kann, so fühle ich die ehren pflicht. – Auch hat sie für mir die Kaiserliche unterstützung ausgewirkt, auch diese fordert eine umfassendere arbeit, um so mehr indem sie die erste ist und vor ihr noch keine solche unterstützung bewilligt war. –

    Ich bin gewiss dass die mannigfachen lästerungen die über mir laut geworden sind, ihr zutrauen für meine leistungen geschmälert haben und in Ihnen besorglichkeiten für mein wohl erweckt haben, Hochverehrter Herr! ich weiss dies zu schätzen, ich brauche sie nicht zu versichern dass ihre hohe theilnahme, so selten in jetziger zeit, mein eintziges glück seit einem jahre macht; vertrauen sie noch bis zum fruhjahr oder bis mitte sommer auf mich, ich werde Ihnen dann meine arbeiten welche ich nicht zu hause, sondern hier an ort u. stelle, wo es mit grösserer vollendung geschehen kann, endigen will – vorlegen und man möge dann urtheilen. – Meine principien mögen sie unterdessen beruhigen Wenn ich eine arbeit liefere die an fülle der des Csoma de Körös nicht nahstehen wird u. an wissenschaftlichem werthe sie viel übertreffen wird, so habe ich glaube ich so viel gethan dass niemand mit recht mehr von mir fordern kann. – Ich nehme aber auch mein wort nicht zurück, dass eine ungarische wissenschaftliche sprachvorschung nun möglich u. eingeleitet (mit frucht) werden wird. – So habe ich dann meine sache vollständig geendigt und eine schwere periode meines lebens ist zum schlusse gebracht.

    Aus Beresov reise ich nicht mehr, meine arbeiten werden nur die wogulische sprache u. den hiesigen ostjakischen dialekt welcher den Ob abwärts bis an seine mündung herscht umfassen. – Surgut bleibt weg. und dass über Narim und Tomsk meine kräfte nun nicht hinreichen dass wurde mir schon auf meiner reise im sommer klar. MTA_KIK_Kt_Ms_4754_74_7

    Ich muss besorgen dass mein letzter brief durch meine reise bis an die jugrische küste Sie unangenehm berührt hat und dass sie glauben dass ich blos dem namen Jugor nach fuhr. Als anleitung zu dieser reise dienten mehrere gründe. erstens die sammlung der ortsnahmen. die kleinen anfänge die ich Ihnen über diese arbeit aus Pelim schickte, hatten noch keinen zweck in sich, sie sollten mir nur zur gelegenheit dienen etliche worte darüber zu sagen wie ich meine ethnographischen arbeiten einrichten zu denke. eine karte die ich Ihnen bald über das von mir nun bereiste land bald schiecken werde wird einen grössern eindruck auf sie machen, obgleich sie auch nur noch den anfängen zugerechnet werden muss und erst dann eine bedeutung gewinnen wird wenn der gleichen arbeiten über gantz Russland und auch über dessen gräntzen sich erstecken werden. Ich wurde also mit den ostjakischen ortsnahmen bis an dem Kara flusse, bis wohin ostjaken auf dem gebirge wohnen, und wurde erst von hier durch die interessante nachricht dass ein zweig des Urals bis an dem Jugrischen sich streckt, bis an diesem geführt.

    Mit der samlung der ortsnahmen hängt aber nothwendig die untersuchung über die beschaffenheit des bodens in rücksicht auf ernährung des menschen zusammen – im dem wir auch nur so nach der naturlichen beschaffenheit des landes, eine richtige erklärung der namen unternehmen können. Als geographische basis aber für untersuchungen über die beschaffenheit des bodens, müssen wieder untersuchungen über die formen der erdoberfläche auf die ich in meinem Pelimer brief hinwies, dienen, und diese waren mir. ein gegenstand vieler aufmerksamkeit während meiner reise, besonders aus jenem grunde in dem MTA_KIK_Kt_Ms_4754_74_8 in dem ich dem Ural so nahe und später auf ihm selbst war, und für untersuchungen über oberflächenformen dieser der eintzige richtige u. näturlichste ausgangspunkt ist. – So hatten die enden des Urals mannichfaches wissenschaftliches interesse für mich, auch will ich jene nicht verschweigen, dass es mir schient dass die Lappische rennthierzucht nothwendig mit der Samojedischen in zusammenhang stehen muss, und dass sich die letztere ihrem natürlichem wege noch nur vor dem Ural längs dem Pustoserer scheide rücken welcher sich bei den quellen der Kara von ihm abscheidet, sich verbreiten konnte – die beschaffenheit dieses rückens welches in den gegenden von Ustelma die Petschora übersetzend weiter gegen Mezen sich zieht war mir also auch ein interesse. Auf der Petschora scheint wenigstens niemals rennthierzucht getrieben worden seyn, in dem der älteste handelsverkehr immer zu wasser geschah, was wegen der unvergleichlich leichtern beförderung mittelst rennthiere gewiss nicht geschehen wäre hätte man diese gehabt. Bei den Izsimer Syrjänen begann die rennthierzucht zur selben zeit als auf der Sigva und geht kaum über 160 jahre.

    Verzeihen sie Herr Staatsrath meiner ungeregelten und schnellen schrift die entwickelung meiner Ideen ging mir nicht gantz vom flecke und ich verspätete mich etwas. – die post wird geschlossen diesen augenblick. – Meine tiefe empfehlung an die Herrn v. Frähn u. Schmidt deren theilnahme mich hoch beglückt. – Behalten Sie mich in Ihren Gnaden

    Ihr auf immer dankbarster Pflegling

    Reguly

    An Ihre Damen meinen handkuss. MTA_KIK_Kt_Ms_4754_74_9

    Mancher Petersburger hat schon an seine Mutter Frantzösische briefe geschrieben, ohne darum seiner nationalitet für verlüstig und für einen frantzosen erklärt geworden zu sein! – Wir wenden uns häufig fremden sprachen zu wenn wir für unsere geistigen richtungen nicht genug nahrung in der eigenen finden. – Ich lernte die deutsche litteratur erst während meiner universitätsjahren kennen und wurde von ihr gefesselt; der wunsch erzeugte sich bald diese sprache auch zu schreiben; ich fasste dazu die gelegenheit zur übung in den briefen an meine Ältern, wie ich auch das in einem briefe aus Hamburg meinen Ältern erkläre, die den ersten deutschen brief erst aus dem Auslande in meinem 20ten jahre von mir empfingen.