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Reguly Antal levele Karl Baernek (Vszevolodo-Blagodatszkoje, 1844. január 12.)
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Wsewolodo Blagodatzki d. 12 Janu. 1844
Verehrtester Herr Staatsrath!
In der wogulischen Sprache habe ich ziemliche Vorschritte gemacht – ich beginne mich in ihr zu orientiren und sie auch schon zu plappern. Mit der ungarischen Sprache hat sie so eine Verwandschaft dass der finnische Ursprung der Ungarn nun über allen Zweifel erhoben sein wird und eine wissenschaftliche ungarische Sprachforschung nun möglich sein wird. Auch giebt sie | sehr interessante winke zur etymologie der finnländischen Sprache und wird daher für dem gantzen Finnicismus eine grosse wichtigkeit haben. In lexikalischer hinsicht gehen meine Arbeiten gegen 2600 worte, in grammatischer hinsicht habe ich auch für jedem einzelnen redetheil schon ziemlich gesammelt.
Über meinem Schulmeister Baktjiar kann ich nicht genug lob sagen, er hat die Geduld MTA_KIK_Kt_Ms_4754_69_2 von morgen bis abends zu weilen mit mir zu sitzen und ist mir so zugethan und mit so viel zutrauen gegen meiner, dass ihre Theologie und Ritus vielleicht kein Geheimniss mehr besitzt, welches er mir nicht mitgetheilt hätte. Wie er übrigens verdienstvoll für mich ist so ist er auch ausgezeichnet unter seinem Volke er ist bei sie Sänger (pewetz) und fungirt auch häufig bei ihren pferde opfern, die sie noch jährlich halten, als Pop. – Diese zwei eigenschaften sind mir wieder eine reiche quelle wissenschaftlicher Ausbeute – ich habe von ihm bis auf 20 bogen verschiedene Gesänge, Gebete und Lieder geschrieben, die, wie sie für das leben und dem geistigen zustande dieses volkes vom höchsten interesse sind, so auch in sprachlicher hinsicht einen grossen werth haben. indem in ihnen zuweilen eine Sprache MTA_KIK_Kt_Ms_4754_69_3 vorkommt die nun nicht mehr gebräuchlich ist und die Herr Baktjiár selbst nur nach vielen nachdenken erklären kann, so z. b. die worte Săámungmä, Săungmä, Săámä die bald in der bedeutung von Welt bald in der vom Vaterland bald in der von Erde etz. vorkommen, und über die er mir bis jetzt eine sehr oberflächliche erklärung gab. – Ihre Dichtung kann in Heldengesänge, Bärengesänge und Lyrische lieder eingetheilt werden, und in eine vierte abtheilung können ihre Hymnen und Gebete gebracht werden. Ihre Helden gehen häufig in eisen gekleidet tragen eisen oder drahthemde, helme, lantzen etz. Ihre Bärengesänge werden bei ihren Bärenfesten, die drei tage für jedem erlegten bären gefeiert werden, gesungen. ich habe ihrer 6 geschrieben von denen 2 über einem bogen lang sind; das siebente und letzte oder das begrabungs lied welches Báktyiár nicht weis werde ich bei meiner auffahrt nach der Lozva bei Jurkina niederschreiben. MTA_KIK_Kt_Ms_4754_69_4
Das erste dieser Bärengesänge handelt über die erschaffung der Welt, des Menschen, der Thiere und endigt sich mit der geburt des Bären – das zweite hat ihr thema von einem Bärenschwur den ein weib gemacht hat, und der in erfüllung geht – das dritte über einem berühmten Bärenjäger der so ein ausgezeichneter Bogenschütz war, dass er einen pfeil den er in die luft schoss, mit drei anderen pfeilen durchbohrte während er zu boden fiel, und der 99 bären erlegte, von dem 100en aber zerrissen wurde etz. – Auch habe ich ein lied über dem Teufel geschrieben, wie ihn Gott in den ewigen sumpf verstosst.
In ihren gebräuchen und lebensweise zeigen sie so eine frappante ähnlichkeit, einerseits mit den Lappen anderseits mit den Tscheremissen und Wotjaken, dass ein richtiges bild über den alten Cultur zustand des gantzen finnischen Volkstammes nicht zu den schwierigsten aufgaben gerechnet werden kann. MTA_KIK_Kt_Ms_4754_69_5
was mit mir geschehen soll Herr Staatsrath das möchte ich wohl gerne wissen! Ob meine liebe Academie gesonnen ist mich hier verhungern zu lassen oder mir zu helfen – das ist eine Frage die ich mir häufig mache; ich sollte fast glauben sie hat das erstere beschlossen. Darüber werden aber Sie die Güte haben mit nächsten mir vielleicht etliche Schicksalsworte zu verkündigen. – Während meiner Reise, wie auch hier die erste zeit. hat mich öfters eine ängslichkeit und unruhe überfallen, die ich nur schwer unterdrücken konnte; nun bin ich aber kalt und abgestumpft und gantz Mohamedanisches Confession – das fatum wollte so wie es bestimmt ist und der Mensch breche sich nicht den Kopf über ihre wege. – Ich kenne nur eine Regel – das ist Arbeit und das thue ich zwar auch so resignirt, dass ich das gefühl der ermüdung nicht kenne, sondern tag und nacht fortsitze und arbeit häufe, ohne freuden und leiden. MTA_KIK_Kt_Ms_4754_69_6
was ich von Kunig denken soll das weis ich nicht – wenn er mir in Petersburg seine Schuld nicht abgab, so wollte ich nach keiner ursache fragen und dachte nichts schlechtes – wenn er mich aber nun so gefährlich gestellt sieht, und sich erinnert mit welcher bereitwilligkeit ich ihm dazumal in seiner noth half – und er mir nicht nur kein geld schickt, sondern im Stande war einen brief von dem inhalt wie der Ihrige Herr Staatsrath an Pogodin abzusenden ohne eine Zeile an mir, wo er mir wenigstens etliche erklärungen beigelegt hätte – so ist er ein gemeiner Mensch dem eine edlere pflicht unbekannt ist.
Seit vorgestern hat mich eine Diarche gantz von den beinen gebracht – es schein eine folge geistiger anstrengung zu seyn und ich werde darum. Sobald ich mich genug kräftig fühle, zur zerstreung, eine fahrt nach dem Ivdel MTA_KIK_Kt_Ms_4754_69_7 machen um etliche wogulen zu besuchen; von da gehe ich vielleicht weiter über den Ural zu den quellen der Wischera wo eine Ostják der reichste Mann der gantzen gegend der gegen 5000 rennthiere hat, wohnt. Auch werde ich vielleicht das Älsbăbi (ein rennthier idol) welches am Ivdel ist besuchen im fall ich dadurch dem gewissen meines Báktjiars nicht zu nahe trete.
In meinen briefen werden Sie wohl manches auszusetzen finden Herr Staatsrath – haben sie aber Nachsicht! Mit so einer zerstörten gemüthsstimmung wie die meinige würde es ein anderer, glaube ich, auch nicht besser im stande seyn. Mich in Ihre Gnaden empfehlend bleibe ich Ihr ergebenster Diener
Reguly