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  • Reguly Antal levele Karl Baernek (Vszevolodo-Blagodatszkoje, 1843. december 9.)

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    Wsewolodo Blagodatzki d. 9 Decem. 1843.

    Hochverehrter Herr Staatsrath!

    Seit sechs tagen bin ich auf dem Orte meines bestimmung – auf dem Ural – auf dem letzten punkt russischer ansiedlung. Zwar nicht unter Wogulen, doch nahe an sie, und besitze die möglichkeit sie bei mir zu haben oder auch sie zu besuchen wenn es mir nöthig ist. In folge des Briefes den mir Herr Borovkof Curator der Wsewolodskischen Güter gab, habe ich hier eine sehr gute aufnahme gefunden, man hat mir eine wohnung zu rechte gemacht die ich gestern bezog und alles zu meiner subsistens nöthige angeordnet. – Den Schlußstein aller dieser arrangements machen zwei wogulen, die gestern gegen abend auf befehl des Verwalters von der Lozva (50 werst von hier) hier ankamen – es sind zwei greise deren einer namens Jurkina 79 jahre hat, und der andere namens Bachtiarov 60. Ich brachte mit sie den ganzen abend zu und ich kann sie mit freude versichern Herr Staatsrath dass das kein so gesunkenes gemeines volk ist, wie man sie gewöhnlich die Idee von ihm macht. Sie sind schwarz vom haar und aussehen wie nach ihrer versicherung alle Wogulen und haben einen leichtern lebhaftern charakter, wie gewöhnlich die finnischen völker, woher sie auch schneller verstehen und begreifen und prompter in ihren antworten sind. Jurkina (er ist vom grossen starken körperbau und länglicher gesichtsbildung) der seiner haushaltung wegen nicht lange abwesend von hause sein kann, wird morgen abgelassen sobald ich nur seine büste in gyps gemacht habe, Bachtiarov aber, der frei wie ein wild, ohne alle bande ist, bleibt hier bei mir und wird mein lehrer. MTA_KIK_Kt_Ms_4754_68_2

    Verehrter Herr Staatsrath! diese leute haben einen sehr guten eindruck auf mich gemacht, und ich kann sagen, ich bin zum erstenmale auf meiner reise, wirklich froh – sie sind fix und offen, und schon darum weil sie mich freuen, bin ich versichert dass ich ihre sprache in gantz kurtzer zeit gefasst werde haben. Leute die einseitig sind und den naturzustand der Völker nicht verstehen, entwarfen von diesem volke ein bild so scheusslich wie selten von einem andern diese leute haben aber kein urtheil, als nur das ihrer vorurtheile, sie sehen die fremden und für ihre erziehung vielleicht unangenehmen Formen und vergessen dabei nach dem Inhalt zu fragen, – dass da eine Natur wirkt eben so menschlich ja menschlicher und unverdorbener als die ihrige ist

    Dass der Wogule nicht arbeitet, das liegt in seinen begriffen und erziehung, so wie dies bei dem alten Germanen, oder bei den heutigen Baschkiren, oder auch bei manchen russischen Edelmann der fall war und ist, – er arbeitet nicht weil er andere begriffe von ritterlichen hat, und dies für schimpflich hält. – Dass dies volk noch kern und inhalt hat, das können sie daraus  sehen, dass es auch stoltz hat, und den russen verachtet, weil er arbeiten muss und nicht sein eigener herr ist; der wogule sagt: es gibt nur zwei Gospodin – Gospodin Czar und Gospodin Jasaschni und alle die russen sind leibeigene. – Freilich ist der Wogule furchtsam wenn er unter den Russen ist, das sind aber auch die Russen wenn sie unter den wogulen mit weniger zahl sind, oder wenn nicht eben furchtsam, so doch bescheidener und führen sich besser auf als gewöhnlich; Der wogule soll ein wort haben mit welchem er droht, das genug charakteristisch ist: budu pulu krasitj – und das versteht der Russe gut, – er macht sich dann immer aus dem staube, denn sonst geht es wirklich aufs blut MTA_KIK_Kt_Ms_4754_68_3

    Das Volk der wogulen ist aber ein sehr zusammengeschmoltzner Völkchen. (Die Russen geben eine sehr merkwürdige erklärung ihres aussterbens – sie sagen: ihr schaitan vernichtet sie (lamait) weil sie die christliche religions angenommen haben) Jene Wogulen die wir in den statischtischen tabellen an der Sosva Lobva etz. angegeben sehen, werden nur sogenannt weil sie von Wogulen abstammen und Jasaschni sind, in der wirklichkeit sind sie aber schon vollkomene Russen, und haben zuweilen die wogulische sprache gar niemals gehört. Echte wogulen die ihre sprache noch kennen und sprechen gibt es nur an der Lozva und am Pelim – an dem erstern bis zur tobolskischen gräntze, ungefähr 90 männ. Seelen (die aber doch auch schon alle russisch verstehen und nach einer generation gewiss reine russen werden seyn) – am Pelim aber sollen sie zahlreicher sein und noch echter. Weiter von der Lozva aufwärts an der obern Sosva oder vom Pelim östlich, wohnen lauter ostjaken.

    Was die Geographie dieses Wogulenlandes betrifft, so werden Sie sich wundern, wenn sie hören, dass der wogule, von den flüssen die wir auf seiner landkarte haben, nicht einen einzigen kennt, sondern alle mit eigenen eigenthümlichen namen bezeichnet wie z. b. die beiden Sosva Tâit, die Wogulka Vuolja, die Lozva Lussm, die Wischera päжer, den Ob Ass etz. Er sagt dass diese fremden Namen von den Sären (Syrjänen) und Russen herrühren, die häufig da reisen machen (diese nennen auch, wie sie sagen, die obere Sosva Jugra) dies wäre aber zu glauben wenn dies bloss in den nördlichen Gegenden der fall wäre, wo diese leute wirklich reisen; wenn man aber in dem gantzen lande bis zum Iset und Ufa dasselbe bemerkt, dann scheint dies einen tiefern grund zu haben, besonders wenn diese namen alle echt Permisch sind und nur aus dieser sprache erklärt werden können, und auch viele wogulischenur verstümmelungen und aus diesen verdorben zu sein scheinen (was seine erklärungen betrifft so ist z. b. sogar der Ob fluss echt permiss und bedeutet einen felder und wiesenreichen fluss, wie flüsse mit gleichem namen im dem heutigen Permäken lande vorkommen – auch Obdor ist Permisch und bedeutet die gegend vom Ob, gleich wie die heutigen Permäken Solikamsk Soldor nennen (saltzgegend) und mehrere andere – das alte Jeromkar auf welchem werchoturje gebaut wurde ist auch Permisch etz) – Es scheint dann als waren die wogulen in diesem lande neuere gäste, und als wäre die tradition der ostjaken die Messerschmidt erwähnt gantz wahr – nach welcher früher in diesem lande MTA_KIK_Kt_Ms_4754_68_4 ein anderes Volk wohnte, welches gebildet und in städten lebte, und nach welcher die ostjaken (und folglich auch die wogulen) erst später aus südwest her, also aus dem Baschkiren lande, eingezogen seien. – Diesem liegt dann sehr nahe dass die Baschkiren früher auch Mangsi waren, so wie die Wogulen und Ostjaken sich noch heute nennen (mangsi – das n mit einem nasenlaut – oder mangsi hum, was einen mansi mann bedeutet)

    Die wogulische sprache zeigt mir viel bekanntes und in ihrem geist tritt mir eine besondere verwandschaft entgegen, in lauten hat sie manches eigentümliche und häufige nasenlaute, an formen scheint sie nicht reich zu sein. In der aussprache fühle ich sehr grosse leichtigkeit und meine wogulen wundern sich und loben mich häufig.

    Verehrter Herr Staatsrath! Sie haben mir einen brief geschrieben der mich sehr niedergeschlagen hat. Zwar nicht darum – dass sie mich mir überlassen – sondern, dass sie das gute was sie für mich gethan haben, sehr zu bereuen scheinen. Glauben Sie, das ist nur ein werk der Umstände, die mich in ein so schlechtes licht vor sie stellen, in der wirklichkeit ist es doch anders. Nehmen Sie diese meinung zurück – ich bitte Sie! Sie werden sich mit der Zeit überzeugen, dass Sie geirrt haben. – Einem Manne – dem ich mich so innigst verbunden fühle, und der für mich so viel gethan hat, werde ich mir alle mühe geben, dies zu beweisen, und es wird mir gewiss nicht misslingen. – Diesen brief schickte mir Herr Pogodin nach Perm und ich bekam ihn da – ich war nicht im Stande darauf zu antworten, ich lies es der that über, es zu thun. – Sie sehen nun dass ich glücklich und ohne die mindeste unannehmlichkeit und verlegenheit mein reiseziel erreicht habe, und also nicht leichtsinn war, was ich ihnen in jenem Zettel geschrieben habe. Erinnern sie sich! als wir etliche tage vor meiner abreise, die reisekosten berechneten wie genau und vorsichtig sie da zu werke gingen und noch für unvorgesehene fälle auch dachten, und 100 rubel silber waren da nach diesem Calcul zur reise gantz hinlänglich, – und warum sollten nun nach ethlichen tagen als die verwirrungen des letzten tages auch unsern blick verwirrten, diese 100 rubel silber ebenfalls nicht für genügend zur reise gefunden werden; ich hatte noch 200 rub. banc. über diesem gelde und sie nannten es leichtsinn, dass ich mich ermahnte und unseres vorigen calculs erinnerte – und mich getrauete den postwagen zu besteigen. – was meine kleider und bagage betrift so MTA_KIK_Kt_Ms_4754_68_5 war diese auch nicht so viel, dass ich 35 rub. bezahlt hätte, ich bezahlte nur 19 rubel. – Und ich machte meine reise auch, bei allem dem dass ich von Perm aus nach Solikamsk von da nach Werchoturje und so sicher, und nicht gerade durch Kungur und Bogoslovsk fuhr, – mit diesen 100 rub. silb. wie wir es berechnet haben. – Dass mein vermögen nun nicht mehr als 40 rubel banco ausmacht, dass ist die Ursache, dass ich nebst meinen käufen zu meiner equipirung in Moskau, und bei meinem Aufenthalte in Kasan, auch andere kleine ausgaben machte, wie z. b. für die wogulen etz. indem ich gantz sicher rechnete dass ich hier bald einen zuschuss von hause bekommen werde – mit dem ich meine Reise nach hause machen kann.

    Mit nächster Post Herr v Baer bin ich so frei Ihnen noch mehreres zu schreiben – nun wartet schon der Postillion auf diesem Brief. Ich bitte um meinen handkuss an Madame Baer und meine ergebenste empfehlung an Herrn Frähn Schmidt Krug, Sjögren, Köppen etz. Ich bleibe Ihnen Herr Staatsrath mit grösster Hochachtung

    Ihr ergebenster dankbarster Diener

    A. Reguly

    Dass ich mich in meiner reise so verspätet habe ist die hauptursache der schlechte den ich zwischen Moskau und Perm hatte es kostete mich 20 Tage ausser meinem Aufenthalt in Kasan Schon der weg bis Kasan hat mich sehr angegeriffen, doch wollte nicht darauf achten, als ich aber von Kasan aus von neuem diesem ungeheuern schütteln auf dem gefrornem wege mich hingab – konnte ich nicht weiter als bis Malmisch kommen, und lag da drei tage, bis ich mich wieder erhohlte – er dieser zeit bin ich aber immer sehr gesund.